Vielleicht hast du dich schon häufiger gefragt, warum dich manche Menschen, mit denen du in Kontakt warst oder bist, seltsam, unnatürlich oder sogar feindlich und herablassend behandeln. Ein Grund hierfür könnte der Ableismus sein. Das englische Wort ´ableism´ bedeutet auf deutsch able = können oder fähig sein und ism = ismus. Also ganz Umgangssprachlich der Könnismus. Die Endung -ismus am Wortende deutet oft darauf hin, dass sich das Wort damit beschäftigt, wie Menschen sich zu etwas verhalten. Das Wort Feminismus beschreibt beispielsweise das Verhalten der Frauen, die sich für die Gleichberechtigung und den Fortschritt aller Frauen und Mädchen einsetzen.

Die deutsche Übersetzung Ableismus sprichst du übrigens wie im Englischen aus, also: Äi-be-lis-mus.

So lustig die deutsche Herleitung des Wortes ableism auch klingt, verbirgt sich dahinter häufig ein Verhalten nichtbehinderter Menschen, das für uns behinderte Menschen zutiefst verletzend, kränkend und oder zumindest unnatürlich ist. Ableismus bedeutet konkret, dass ein behinderter Mensch aufgrund seiner Fähigkeiten eingeschätzt und bewertet wird. Die nichtbehinderten Menschen schauen also nur, was ein behinderter Mensch kann oder eben nicht kann und dementsprechend verhalten sie sich. Ein behinderter Mensch wird also nur nach den körperlichen und psychischen und geistigen Fähigkeiten und Merkmalen beurteilt, die ein nichtbehinderter Mensch in der Begegnung als erstes wahrnimmt. Oft nimmt der nichtbehinderte Mensch diese Merkmale und Fähigkeiten als anders und von ihm selbst unterschiedlich wahr. Behinderte Menschen werden also oft auf das vermeintliche Anderssein im Gegensatz zu nichtbehinderten Menschen reduziert. Diese angebliche Andersartigkeit machen nichtbehinderte Menschen allein am ersten Eindruck fest und haben dann oft ein Bild und eine Meinung von der behinderten Person, die nicht der Wirklichkeit entspricht und allein auf dem ersten Eindruck basiert. Nichtbehinderte Menschen kennen die behinderte Person also kaum und glauben doch zu wissen, was der behinderte Mensch kann oder nicht kann, wie er oder sie lebt und welche Bedürfnisse er hat und wie der behinderte Mensch mit seinen Mitmenschen umgeht.

Wenn Beispielsweise ein Mensch mit einer Beeinträchtigung seiner Stimmbänder undeutlich und langsam spricht, gehen nichtbehinderte Menschen oft davon aus, dass dieser Mensch nicht weiß, worüber er oder sie spricht. Oft denken sie, dass ein Mensch mit einer Sprachbeeinträchtigung nicht schlau, selbstbestimmt und fähig wäre zu wissen, was er möchte und welche Meinung er oder sie zu ganz unterschiedlichen Themen hat. Nichtbehinderte Menschen behandeln viele Menschen mit einer Sprachbeeinträchtigung oft unnatürlich und herablassend.

Sie sprechen entweder überdeutlich und sehr laut mit diesen Personen.

Sie sprechen wenig oder gar nicht mit diesen Personen.

Oder sie reden nur mit den Personen, die den behinderten Menschen begleiten und schließen den behinderten Menschen komplett aus.

Die Aktion Mensch hat ein unterhaltsames Video zum Thema Ableismus produziert, das auf treffende Weise Situationen darstellt, in denen sich nichtbehinderte und behinderte Menschen ableistisch verhalten.

Ableistische Verhaltensweisen von nichtbehinderten Menschen gegenüber behinderten Menschen

Ableistische Verhaltensweisen sind meist davon geprägt, dass nichtbehinderte Menschen eine Vorstellung davon haben, wie ein behinderter Mensch lebt und wie er sich fühlt. Diese Vorstellungen sind immer nur Vermutungen und sie basieren nicht auf Erkenntnisse, die nichtbehinderte Personen, durch die Befragung behinderter Personen, gewonnen haben. Oft haben nichtbehinderte Menschen auch gar keine Erfahrungen im Zusammensein und dem Austausch mit behinderten Menschen. Ihre Annahmen und Vorstellungen über das Leben und die Gefühlswelt behinderter Menschen, beziehen sich nur auf ihre eigene persönliche Sichtweise. Sie glauben, dass wenn sie selbst einen Rollstuhl nutzen würden, wären sie traurig und verbittert. Oder sie meinen, dass alle Rollstuhlnutzer*innen extrem sportlich wären, da sie einmal ein Rollstuhlbasketballspiel im Fernsehen verfolgt haben.

Das Verhalten gegenüber behinderten Menschen seitens Nichtbehinderter ist deshalb oft unnatürlich und entweder übertrieben positiv und bewundernd oder eben abwertend und ausgrenzend. Es misst sich immer daran, was der nichtbehinderte Mensch glaubt, welche Fähigkeiten und Verhaltensweisen das Leben des behinderten Menschen bestimmen. Ein Mensch der beispielsweise auf Assistenz im Alltag angewiesen ist, wird in der ableistischen Denkweise eher als hilflos, nicht aktiv und schwach wahrgenommen. Ein Mensch der Beispielsweise Rollstuhlbasketball spielt, kann hier eher als dynamisch, aktiv und selbstbestimmt wahrgenommen werden.

Die nichtbehinderte Person hat jedoch überhaupt keine Ahnung davon, dass beispielsweise der behinderte Mensch, der im Alltag Assistenz für seine selbstbestimmte Lebensführung nutzt, vielleicht viel selbstbestimmter lebt, entscheidet, beruflich aktiv ist, Computerspielcontrolpats mit dem Mund bedient etc, ein erfüllteres Leben hat, als der basketballspielende Rollstuhlnutzer.

Die ISL hat zum Thema eine Broschüre „Ableismus erkennen und begegnen Strategien zur Stärkung von Selbsthilfepotenzialen“ gemacht, die beschreibt, was Ableismus genau ist, welche Erfahrungen behinderte Menschen im Beruf, im Gesundheitswesen und privat mit ableistischen Verhaltensweisen gemacht haben und wie man sich gezielt gegen ableistisches Verhalten durch nichtbehinderte Personen wehren kann.

 

Positive Diskriminierung im Ableismus

Menschen die ableistisch denken und handeln, empfinden eine körperliche, geistige oder Sinnesbeeinträchtigung immer als Last und Bürde, die in ihrer Vorstellung manchmal schlimmer als der Tod sein kann. Eine Beeinträchtigung wird meist als negativ, nicht wünschenswert und als Zustand wahrgenommen, der mit Eigenschaften wie weniger leistungsfähig, minderwertig, fremdbestimmt, hilflos und oft auch unattraktiv verbunden wird.

Wenn behinderte Menschen trotz dieser angenommenen Bürde und ihrer Minderwertigkeit, dann doch ein in den Augen nichtbehinderter Menschen erfülltes und aktives Leben führen, dann werden sie bewundert, idealisiert und als Inspirationsquelle für nichtbehinderte Menschen betrachtet. Mit diesem Denkmuster werden dann ganz normale Tätigkeiten, wie das Essen mit den Füßen, das Computerspielen mit Screen Reader und ohne Bildschirm und das einhändige Autofahren, als herausragende Tätigkeiten betrachtet. Diese sind für uns behinderte Menschen jedoch ganz normal und selbstverständlich.

Durch diese Bewunderung und Idealisierung sind auch viele Klischees entstanden:

  • Blinde Menschen können alle besser hören als sehende Menschen.
  • Blinde Menschen haben das absolute Gehör und sind sehr musikalisch.
  • Rollstuhlfahrer spielen meist Basketball und sind sehr sportlich.
  • Menschen mit Autismus haben alle eine ganz besondere Begabung, sind Beispielsweise Mathematikgenies oder Computerfreaks.

Negative Diskriminierung

Natürlich können ableistische Verhaltensweisen auch so auftreten, dass sie behinderte Menschen offen diskriminieren. Wenn sich nichtbehinderte Personen ableistisch verhalten, gehen sie häufig davon aus, dass der behinderte Mensch eh nicht selbst entscheiden kann, was richtig für ihn ist und das er meist auf fremde Hilfe angewiesen ist. Ihm wird unterstellt, dass er meist unter seiner Behinderung leidet, deshalb traurig oder sogar verbittert und böse ist und das sein Leben im Allgemeinen eher schwer, wenig produktiv und kaum erfüllend sein wird. Wenn ein bisschen Farbe und Aktivität ins Leben einzieht, dann nur durch die Hilfe fürsorglicher nichtbehinderter Hilfspersonen, die sich für das Leben des behinderten Menschen aufopfern und es bestimmen und prägen.

Wer so denkt, verhält sich natürlich auch dementsprechend. Die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen ist groß. Hier einige Beispiele:

Mit der behinderten Person wird nicht direkt gesprochen, sondern nur mit ihren Bezugspersonen. Sätze wie „Hat sie Hunger?“ „Sie möchte bestimmt etwas trinken?“,  sind typisch für solche Situationen.

Die behinderte Person wird nicht beteiligt und es wird über ihren Kopf hinweg entschieden, weil Nichtbehinderte meinen, sie wüssten was gut und richtig für die Person ist.

Eine behinderte Person wird übergriffig angefasst, bewegt, positioniert, ohne vorher mit der Person darüber gesprochen zu haben. Es wird also in ihre körperliche Integrität eingegriffen und nicht um Erlaubnis gebeten und sich auch nicht rückversichert, ob die Person nicht allein im Stande ist, die beabsichtigten Bewegungen/Handlungen mit oder ohne Unterstützung umzusetzen.

Mit einer behinderten Person wird auf mitleidige und herabblassende Weise kommuniziert. Meist auch so, dass Nichtbehinderte ungefragt Ratschläge und Tipps geben, wie Probleme die mit einer Beeinträchtigung verbunden sein können, gelöst oder vermeintlich überwunden werden können. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Gefühlen und Ansichten der behinderten Person findet in solchen Verhaltensmustern nichtbehinderter Personen, jedoch überhaupt nicht statt. Typische Sätze für solch ein Verhalten sind:

„Ach stell dich doch nicht so an, anderen Menschen geht es auch schlecht.“

„Also andere Blinde können sich aber besser orientieren als du. Das musst du aber noch üben!“

„Ja, ich weiß genau wie du dich fühlst. Als ich mal ein gebrochenes Bein hatte, da war ich total hilflos.“

Die behinderte Aktivistin und Wissenschaftlerin Rebecca Maskos bringt es in „Die neue Norm“ auf den Punkt und zeigt auf, wie sich nichtbehinderte Menschen durch Ableismus davor schützen, sich ernsthaft mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, selbst einmal beeinträchtigt zu sein und dadurch von der Gesellschaft behindert zu werden.

Identitätsbildung von behinderten Menschen im Zusammenspiel mit ableistischen Verhaltensweisen

Behinderte Menschen werden meist lebenslänglich mit ableistischen Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen konfrontiert. Selbst die eigenen Eltern können gegenüber den behinderten Kindern ableistische und fremdbestimmte oder idealisierte Denkmuster vertreten und Verhaltensweisen zeigen.

Für die meisten Eltern ist die Beeinträchtigung ihres Kindes erstmal ein Schock und eine tiefgreifende Erschütterung, mit der sie in den meisten Fällen nicht gerechnet haben. Da die gesellschaftliche Wahrnehmung von Beeinträchtigung ja eher negativ ist, sind auch die meisten Eltern erst einmal überfordert, traurig, mutlos und wissen erstmal nicht, wie sich die Zukunft ihres beeinträchtigten Kindes und ihre eigene gestalten wird. Je nachdemm welche Beeinträchtigung das eigene Kind hat, kann auch das Verhalten des Kindes, seine Bewegungen und seine Lautäußerungen (weinen, sprechen, Freude, Stille) ), seine Mimik, für die Eltern erst einmal ungewohnt sein.  Auch ist manchmal anfangs die natürliche Verbindung, man nennt das auch parenting, zwischen Kind und Elternteil etwas aus dem Gleichgewicht, da das Kind anders reagiert, als dies von ihm erwartet wird. Die Kränkung der Eltern, ihre Zukunftsängste und ihre Überforderung, machen natürlich auch etwas mit dem Kind mit Beeinträchtigung. Ihr als Kind merkt schon früh, dass ihr irgendwie anders seid, dass eure Eltern vielleicht gezwungener oder eifriger mit euch spielen als mit euren Geschwistern, dass sie euch häufig fordern und viel von euch erwarten und ihr euch dann unter Druck gesetzt fühlt, die Herausforderungen zu meistern – weil ihr eure Eltern liebt und abhängig von der Liebe eurer Eltern seit.

Theo Klaus hat in seiner Arbeit, die Bildung von Identität bei behinderten Kindern/Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten beschrieben. Viele dort beschriebenen Herausforderungen und Verhaltensweisen, kennen die meisten behinderten Menschen, mit und ohne Lernschwierigkeiten, wenn sie auf die Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit zurückblicken.

Auch wenn es vielen Eltern gelingt, die Beeinträchtigung ihres Kindes zu akzeptieren und ihre Kinder zu lieben und zu schützen, werden auch sie selbst, sowie ihre beeinträchtigten Kinder, mit ableistischen Verhaltensweisen seitens anderer Kontaktpersonen, wie Kindergartenpersonal, Lehrer*innen, Eltern von Freund*innen der Kinder, Therapeut*innen etc. konfrontiert. Auch merken beeinträchtigte Kinder, dass sie sich teilweise in ihren körperlichen und anderen Eigenschaften und Merkmalen, von anderen Kindern unterscheiden. Wenn beeinträchtigte Kinder ein Umfeld erleben, wo ihre Einzigartigkeit geliebt, anerkannt und geschätzt wird, dann schaffen es beeinträchtigte Kinder, trotz ableistischer gesellschaftlicher Einflüsse, selbstbestimmte, selbstbewusste und starke Persönlichkeiten zu werden. Wenn Eltern und frühe Bezugspersonen nicht in der Lage waren, ihrem Kind Selbstliebe und Selbstwirksamkeit zu vermitteln, dann kann der Prozess der Selbstakzeptanz und Selbstliebe, in der Verbindung mit anderen Gleichgesinnten (sogenannte Peers), die auch eine Beeinträchtigung haben, gelingen und dabei helfen, Ableismus zu erkennen, aufzudecken und sich gegen solche Verhaltensweisen zu wehren.

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung hat schon seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts erkannt und erfahren, wie die Gesellschaft beeinträchtigte Menschen behindert, sie durch Barrieren in der Umwelt und durch Denkmuster nichtbehinderter Menschen, ausgrenzt und ungerecht behandelt. Durch die Aktivist*innen dieser Bewegung wurden beeinträchtigte Menschen und ihre Lebensrealität erstmals wirklich sicht-, hör- und spürbar. Auch wenn Ableismus immer noch sehr präsent ist in unserer Gesellschaft, haben es behinderte Aktivist*innen geschafft, dass Ableismus mit Hilfe der UN-Behindertenrechtskonvention die Chance hat, in ein inklusives Handeln und Verhalten, umgewandelt zu werden.