Konzepte von Behinderung
Im Jahr 2019 lebten in Deutschland etwa 7,9 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Der Anteil der schwerbehinderten Menschen an der gesamten Bevölkerung in Deutschland betrug damit fast 10%.
Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, die die Rechte von behinderten Menschen in Deutschland vertritt und die Lebenssituation behinderter Menschen nachhaltig verbessern will, setzt sich dafür ein, dass alle behinderten Menschen genauso leben, arbeiten, sich weiterbilden, lieben, reisen, wohnen usw., wie alle anderen Menschen auch. Leider haben wir unser Ziel noch nicht erreicht, aber wir kommen ihm täglich ein kleines Stück näher.
In diesem Text geht es um die Fragen, wie wir als behinderte Menschen diskriminiert werden, und warum wir diskriminiert werden. Wir behinderte Menschen sollten uns mit den Frage auseinandersetzen, wie uns andere nichtbehinderte Menschen behandeln, was das für unser Leben bedeutet, warum sie uns so behandeln und wie wir uns dagegen wehren können. Wichtig ist immer zu wissen, dass wir nicht daran schuld sind, wenn uns nichtbehinderte Menschen schlecht, unfair und ignorant behandeln. Trotzdem kann es helfen, die Gründe hierfür ein bisschen zu verstehen, damit die Behandlung vielleicht ein bisschen weniger schmerzt und ihr euch auch aktiv und selbstbestimmt dagegen wehren könnt.
Eine Studie der Aktion Mensch von 2021 zeigt, dass es nach wie vor gravierende Mängel bei der Barrierefreiheit und im Umgang mit Behinderung gibt. Demnach wünschten sich beispielsweise 58% der Befragten (mit einem amtlich festgestellten Grad der Behinderung von mindestens 50) mehr Verständnis für die Beeinträchtigung durch eine Schwerbehinderung.
Behinderte Menschen sind oft von Diskriminierung betroffen. Im Alltag erleben sie eine Vielzahl von Barrieren, die es ihnen erschweren, am sozialen Leben teilzuhaben oder selbstbestimmt zu leben.
Doch was bedeutet überhaupt das Wort Behinderung und was bedeutet es, behindert zu sein, bzw. zu werden?
Was ist Behinderung? Das medizinische Modell
Eine leider noch weit verbreitete Denkweise über Behinderung ergibt sich aus dem medizinischen Modell: Das medizinische Modell von Behinderung entwickelte sich nach dem ersten Weltkrieg. Es sieht den Grund einer Behinderung in der Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten einer Person. Also wie gut oder nicht gut ein Körper funktioniert, also wie gut ich beispielsweise hören/riechen kann oder wie gut ich laufen oder die Hände bewegen kann. Auch wenn man beispielsweise länger braucht um etwas zu verstehen, langsamer lernt und schwere Sprache für viele Menschen schwierig zu verstehen ist, werden die geistigen Fähigkeiten dieser Menschen eher als nicht so gut durch die Gesellschaft bewertet.
Ein Körper wird in diesem Modell nach konstruierten Normen in „gesund“ und „nicht gesund“ aufgeteilt. Kann eine Person zum Beispiel nicht hören oder nicht schnell denken, weicht sie von der Norm eines „gesunden“ Menschen ab und gilt als behindert.
Diese Ausrichtung auf eine Norm, die sich an den körperlichen und kognitiven Fähigkeiten eines Menschen orientiert und von der viele Menschen mit Behinderung ausgeschlossen werden, nennt man auch Ableismus.
Eine Beeinträchtigung wird nach dem medizinischen Modell als Fehler verstanden, den es zu therapieren gilt, um behinderte Menschen möglichst an die Norm der Gesellschaft anzupassen. Behinderte Menschen werden aus dieser Sichtweise vom Rest der Gesellschaft getrennt und nicht als vollwertige Mitglieder betrachtet.
Aus dem medizinischen Modell entwickelt sich der Fehlglaube, behinderte Menschen seien auf Hilfe oder besondere Einrichtungen, wie z.B. Sonderschulen oder Wohnheime angewiesen. Behinderten Menschen wird eine selbstbestimmte Teilhabe am sozialen Leben verwehrt. Das Gefühl, von der Gesellschaft als „Problem“ und Belastung wahrgenommen zu werden, das ausgeschlossen werden von sozialen Aktivitäten und Angeboten und die unnatürliche Begegnung mit Menschen ohne Behinderung, bei der einem oft Angst, Übervorsicht oder Mitleid entgegengebracht wird, kann zu einem geringen Selbstwertgefühl führen und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit hemmen.
Nach dem medizinischen Modell gilt eine „Behinderung“ als medizinische Tatsache, die nur therapeutisch und medizinisch behandelt und gemindert werden kann. Und wenn Therapie durch eine Ärzteschaft oder Therapeut*innen nicht oder nur teilweise den Zustand des behinderten Menschen verbessern können, wird versucht, durch besondere Fördermaßnahmen, den behinderten Menschen an die Gesellschaft anzupassen. Das medizinische Modell, geht immer davon aus, dass es die Verantwortung des behinderten Menschen ist, sich an die gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen und alles dafür zu tun, sich zu integrieren. Die Gesellschaft und ihre Barrieren, werden in diesem Modell überhaupt nicht berücksichtigt und der behinderte Mensch muss selbst sehen, wie er die Barrieren überwindet und zurechtkommt.
Diese Betrachtung lässt allerdings Faktoren weg, die unbedingt einbezogen werden müssen, wenn wir von Behinderung sprechen.
Behindert sein? Behindert werden! – Das soziale Modell
Das soziale Modell erkennt, dass eine Behinderung nicht aufgrund individueller körperlicher Merkmale oder Fähigkeiten entsteht, sondern aufgrund von Hindernissen, die in einer normierten Gesellschaft und unserer Umwelt zu finden sind. Dazu zählen soziale Barrieren, wie z.B. Vorurteile oder Verallgemeinerungen gegenüber behinderten Menschen und eine nicht-barrierefreie Umwelt und Kommunikation. Durch diese Hindernisse werden Teile der Gesellschaft behindert, ausgeschlossen und diskriminiert. Ein autonomes Leben wird erschwert oder sogar verhindert.
Das Ziel, ausgehend vom sozialen Modell von Behinderung, ist es, eine inklusive Gemeinschaft zu schaffen und alle Hindernisse und Barrieren aus den Köpfen nichtbehinderter Menschen und der Umwelt zu entfernen.
Das soziale Modell verdeutlicht, dass die Behinderung eines Menschen aus dem Zusammenspiel seiner Beeinträchtigung und gesellschaftlichen Barrieren entsteht. Barrieren sind z. B. bauliche Barrieren wie Stufen und Treppen vor Geschäften, die es Rollstuhlnutzer*innen unmöglich Machen, das Geschäft zu betreten; Verkehrsampeln ohne akustische Signale, die verhindern, dass blinde Menschen selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe eine Straßenkreuzung überqueren können. Wie im Text bereits beschrieben, verhindern auch Denk- und Verhaltensmuster von nichtbehinderten Personen wirkliche Inklusion und Teilhabe von behinderten Menschen.
Hindernisse und Barrieren
Hindernisse, die dazu führen, dass eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung zur Behinderung wird, finden wir überall. Denn sie sind durch unsere normative Gesellschaft strukturell verankert.
Ein Beispiel für diese Struktur im Alltag von behinderten Menschen ist unsere bauliche Umwelt. Die Barrierefreiheit in Wohnungen und Einfamilienhäusern in Deutschland ist die Ausnahme statt Regel. Eine Veröffentlichung des Mikrozensus-Zusatzprogramms „Wohnen“ zeigt, dass nur 2% aller Wohnräume annähernd barrierefrei sind. Die meisten Wohnhäuser sind nicht barrierefrei. Sie haben Stufen vor dem Eingang, keine oder für den Rollstuhl zu schmale Fahrstühle, Schwellen und Stufen in Wohnräumen, keine behindertengerechten Badezimmer und Küchen. Alleine auf die Toilette gehen, wenn die Toilette mit dem Rollstuhl nicht seitlich angefahren werden kann, allein duschen, wenn die Dusche eine Stufe hat oder für den Rollstuhl zu schmal ist, ist dann gar nicht oder nur mit großer Mühe und Unterstützung möglich.
Ob Wohnraum, Verkehrsmittel, öffentliche Gebäude, Geldautomaten oder Geschäfte – behinderte Menschen können nie einfach davon ausgehen, dass ein barrierefreier Zugang gewährleistet ist.
Die verankerten Strukturen können wir auch in der Denkweise unserer Gesellschaft erkennen.
Laut einer Umfrage assoziieren 88 Prozent der in Deutschland lebenden Personen das Wort „hilfsbedürftig“ mit Menschen, die eine sogenannte „geistige“ Behinderung haben.
Das zeigt, dass durch die Gesellschaft vermittelt wird, dass eine Beeinträchtigung eine lebenseinschränkende Bürde darstellt, die zwingend Selbstständigkeit und Lebenswertigkeit einschränkt.
Ein solcher Eindruck, mit dem z.B. Kinder mit einer Beeinträchtigung von klein auf konfrontiert sind, belastet das Formen einer Persönlichkeit und die freie Entfaltung stark.
Durch das fehlende Miteinander und der Exklusion vertiefen sich die in der Gesellschaft verbreiteten fehlerhaften Vorstellungen, wie das Leben mit einer Beeinträchtigung ist und wodurch eine Behinderung im Alltag wirklich entsteht.
Der fehlende Austausch führt dazu, dass sich eine Begegnung zwischen Menschen mit und Menschen ohne Beeinträchtigung oft fremdartig anfühlt. Spontane Auseinandersetzungen sind oft geprägt von Unnatürlichkeit und Verkrampftheit. Die UN-Behindertenrechtskonvention hält klar fest, dass alle Menschen die gleichen Menschenrechte und Grundfreiheiten haben. Die Zugänge zum gesellschaftlichen Leben, zur Teilhabe und Partizipation sind ein Menschenrecht und müssen gewährleistet werden.